Billy Talent III
Billy Talent sind ein Wunder an Konsistenz – zum einen deshalb, weil sie auch ihr drittes Album nach der erzwungenen Namensänderung von 2001 so schlicht wie konsequent nach sich selbst benennen. Zum anderen, weil sie auch auf dem neuen Album das Kunststück verbringen, musikalisch absolut glaubwürdig dazustehen – kein Schrei wirkt gekünstelt, kein Gitarrenriff lasch, keine Drumbeat-Salve verfehlt ihr Ziel. Der Grund dafür ist so einfach wie schwer zugleich: Die Kanadier bleiben sich treu, indem sie mit ihrer Musik wachsen und reifen. Und so überrascht es nicht, dass sich die bereits auf „Billy Talent II“ angewandte Praxis fortsetzt, zunehmend Songs mit Tiefgang und Bezug zum wahren Leben zu schreiben – eine Tendenz, die von Fans und Kritikern gleichermaßen begrüßt wurde.
Thematisch lässt sich „Billy Talent III“, das von Brendan O´Brien (u.a. Rage Against the Machine, Incubus, Pearl Jam) produziert wurde, in drei grobe Themenschwerpunkte aufteilen: zwischenmenschliche Beziehungen, menschliche Abgründe, Tod. Anders als beispielsweise jüngst bei den Kollegen von Green Day, gibt es jedoch keine bewusste Auf- oder Dreiteilung. Gemeinsame Klammer ist höchstens der insgesamt morbide Grundton, denn auch darin sind Billy Talent konsistent: Eine fröhliche Gute-Laune-Band werden Benjamin, Ian, Aaron und Jonathan nie werden. Zum Glück.
Los geht’s mit „Devil On My Shoulder“, einem Song, der sich mit dem inneren Teufel befasst: „I beg for mercy from my internal friend / The one that drives the nails into my coffin“, schreit sich Ben gewohnt kathartisch die Seele aus dem Leib, unterbrochen nur im Mittelteil des Songs von einem ausgezeichneten Gitarren-Solo. Der Song ist fulminanter „Hallo, wir sind wieder da!“-Einsteig und Stimmungsbarometer für die restlichen Songs zugleich – wie man an „Rusted From The Rain“ sieht, der ersten Single, die sich nahtlos anschließt. Weiter geht’s mit „Saint Veronika“, einem Song, der zu Herzen geht: „Veronika, Saint Veronika / You can´t leave this world behind“, fleht Ben ein fiktives junge Mädchen an, keinen Selbstmord zu begehen – vergebens.
Das folgende „Tears Into Wine“ befasst sich ähnlich wie „Rusted From The Rain“ mit dem Ende einer Beziehung, schlägt aber wesentlich bitterere Töne an: „The gun is loaded when the glass is full / Down the hatch, and the trigger´s pulled“. Der Song besticht durch ein ausnehmend starkes Gitarren-Intro. Mit Beziehungen befasst sich auch das eingängige „White Sparrows“, allerdings mit vergangenen, unwiederbringlichen. Ben wandelt in dem Song durch eine Stadt der Erinnerungen, vorbei an Restaurants und Straßen, die er mit einer Frau verbindet, die nun tot ist: „White Sparrows fell from heaven and carried her away / Black arrows cut the strings of my heart, I kneel and pray.“
Konsumkritisch geht es in „Pocketful of Dreams“ zur Sache, in dem es um eine Frau geht, die nur wegen des Geldes mit einem Mann zusammenlebt und dafür ihre Träume aufgegeben hat: „Still when I look into your eyes / They´re full of dollar signs“, höhnt Ben, und singt einschneidend: „Reach into a pocketful of dreams / Now, before they fall out of the seams“. Der Song demonstriert exemplarisch, wie Billy Talent gereift sind: Der Text ist aktuell, anti-materialistisch, fast philosophisch, und wie schon bei „Tears Into Wine“, geht dem Song ein ausgesprochen starkes Gitarren-Intro voraus.
Weniger aktuell, als vielmehr im Bereich der historischen Phantasie anzusiedeln ist der Folgesong „The Dead Cant Testify“, der sich mit recht kruden Hexenverbrennungs- und Erlösungs-/Vergeltungsszenarien befasst. Aber auch dafür muss im Punk Platz sein, keine Frage.
„Diamond On A Landmine“, das achte Stück auf der Platte, ist dann wieder in die Kategorie „zwischenmenschliche Beziehungen“ einzuordnen, genauer: „zwischenmenschliche Abhängigkeiten“, und zwar in diesem Fall von Mann zu Frau: „Shes in control of everything / Im just the puppet she pulls my strings“, klagt Ben verzweifelt.
Philosophisch wird es dann noch einmal mit den beiden Folgesongs: In „Turn Your Back“, einem der stärksten und energischsten Songs des Albums, beschwert sich Ben über die Ignoranz der Menschen und darüber, dass wir sehenden Auges in eines Zukunft mit Krieg, Hunger und Gier rennen: „´Cause you´re too late, so kiss your ass goodbye, mate!“ In „Sudden Movements“ scheint die Zukunft dann bereits Gegenwart zu sein, denn geschildert wird ein düsteres Szenario, in dem Krieg und Terror in den Straßen herrschen – und jede falsche Bewegung tödlich sein kann. „Your sudden movements, sudden movements / Gonna give us all away / No sudden movements, sudden movements / Ot theyll blow us all away“. Auch ein anderes Grundmotiv wird in dem Song thematisiert: Wenn Du eine falsche Bewegung machst, sind wir beide tot –zwischenmenschlichen Beziehungen und ihre oft fatalen Folgen sind ein großes Thema, vielleicht das Grundthema von Billy Talent. Wie im übrigen auch der letzte Song wieder beweist, „Defitinion of Destiny“, in dem es um das Ende der Unschuld in einer Beziehung geht: „When did all our childhood dreams disappear? / I got my own definition of destiny“.
Welches „Destiny“ , welches Schicksal also, Billy Talent mit dem vierten Album bestimmt ist, dürfte klar sein: Die Band wird sich weiter als einer wenigen großen, glaubwürdigen Punkrock-Acts unserer Tage behaupten. Konkurrenten aus dem Punk Revival um 2006 wie Good Charloote oder Fall Out Boy haben sie eh längst weit hinter sich gelassen, mal sehen was als nächstes kommt. Es werde kein „Billy Talent IV“ geben, gab die Band kürzlich in einem Interview bekannt, mit „Billy Talent III“ sei das Ende eines Kreises erreicht. Wir dürfen also gespannt sein. Und hören bis dahin fleißig „Billy Talent III“.
Nico Cramer

