Billy Talent: Myspace Secret Show
Kochende Stimmung und kochende Temperaturen bei umjubelter Myspace Secret Show in Hamburg
„Gibt’s gar keine Möglichkeit mehr, reinzukommen?!“, fragt der Mann die vier Ordner, die mit ihrer hünenhaften Gestalt den Zugang zur Hamburger Markthalle versperren, „auch nicht mit Entfernungsbonus?! Ich bin zwei Stunden angereist!“ Entfernungsbonus, dieses Argument war heute noch nicht dabei.
Die Ordner lächeln ob des Erfindungsgeistes in der Argumentation – und schütteln den Kopf. Nichts zu machen. „Die Hütte ist rappelvoll. Da kommt keiner mehr rein“, gibt einer der starken Männer dem Fan zu verstehen.
Es ist Donnerstag Abend, der 4. Juni, und Billy Talent sind in Town. Doch das Konzert wird kein gewöhnlicher Gig, sondern eine exklusive Myspace Secret Show. Als Eintrittskarte dient schlicht ein ausgedrucktes Myspace-Profil – zumindest solange, bis die Hütte voll ist. „First come, first serve“, lautet das Motto der beliebten Konzertreihe. Und so staunte nicht schlecht, wer einige Stunden vor dem Konzert an der Hamburger Markthalle vorbeikam: Gut 200 Meter die Straße hoch zog sich die Schlange geduldig wartender Fans – und das trotz fiesem Hamburger Dauerregen.
Inzwischen ist es kurz vor Neun, und von den wartenden Massen sind nur noch die Überreste zu sehen: leere Bierflaschen, leere Chipstüten – und einige wenige verzweifelte Fans wie der oben erwähnte Mann. Doch er muss draußen bleiben, keine Chance.
Drinnen in der Markthalle sind derweil Stimmung wie Raumtemperatur bereits auf dem Siedepunkt, bevor die Band überhaupt die Bühne betreten hat. Gespannt erwarten die Fans in der dicht gepackten Markthalle den für Punkt 21 Uhr angekündigten Startschuss.
Und tatsächlich: Um präzise 21:02 ist es soweit: Benjamin, Ian, Jonathan und Aaron betreten die Bühne. Wobei „bestürmen“ die Bühne fast besser passt, denn eines ist sofort zu erkennen: Billy Talent haben Lust heute Abend. Ganz in schwarz gekleidet und vor einem großen schwarzen Band-Banner mit weißen Buchstaben platziert, steigen sie gleich voll ein. Zu „Devil In The Midnight Mass“ zucken die Strobo-Lichter, und im Publikum werden die Fäuste in die Höhe gereckt. Für die letzten Takte des Songs lehnt sich Benjamin Kowalewicz lässig zurück, eine Hand am Mikroständer, und atmet die Ovationen ein. Dann folgt eine Begrüßung: „Hallo zusammen! Schön euch zu sehen! Und Danke, dass ihr für uns den ganzen Tag draußen im Regen angestanden habt!“
Das Publikum dankts mit zustimmendem Applaus, und weiter geht’s im Höllentempo in der bereits jetzt höllisch heißen Markthalle. Abwechselnd spielt sich Band durch ihre Alben Billy Talent I und II, mit „Rusted From The Rain“ wird ein erster Vorgeschmack auf „Billy Talent III“ gegeben, das neue Album der Kanadier, das am 10. 07. erscheinen wird.
Als die Band nach gut einer Dreiviertel Stunde „Surrender“ anstimmt, gibt es endgültig kein Halten mehr. In den vorderen Reihen ist Crowd-Surfing angesagt, der hohe Anteil von Surferinnen sagt hier im übrigen wohl so einiges über die Popularität der Punkrocker auch beim weiblichen Geschlecht aus. Aber auch die anwesenden Kerle lassen sich von der Hochstimmung im Saal anstecken: In der Mitte des Saales bildet sich ein spontaner Pogo-Kreis, und weniger Meter schnappe ich auf, wie ein Mann mittleren Alters zu seinem Kumpel sagt: „Das ist einfach der herrlichste Krach der Welt“. Welch eine Liebeserklärung!
Weniger eine Liebeserklärung, als vielmehr eine eindeutige Kritik äußert ein nach „Surrender“ endgültig komplett durchgeschwitzter Benjamin Kowalewicz: Es ist heiß wie Hölle hier drinnen! Ich verstehe das nicht: Ihr Deutschen seid solche effizienten und intelligenten Menschen. Und das meine ich ganz ernst. Aber eines bekommt ihr einfach nicht hin: Air Condition in die Clubs zu bauen! Wir sollten eine Petition starten, damit ihr kühlere Clubs bekommt!”, scherzt Benjamin.
"Oder wir scheißen drauf und machen einfach alle wild Liebe!” Sofort bricht ein Jubel weiblicher Stimmen im Publikum aus. Und Benjamin rudert schnell zurück. “War nur ein Scherz. Ich bin verheiratet, Mädels! Und ich bin ein treuer Ehemann!”
Was Benjamin Ernst definitiv ernst meint, ist sein nun folgender Dank ans Publikum: 'Ihr ahnt gar nicht, wie viel es uns bedeutet, dass ihr hier steht und so auf unsere Musik abgeht.“ Wenn wir bald zurückkommen, kommt ihr auch? Ich werde jeden einzelnen durchzählen und in den Arm punchen!“
60 Minuten sind vergangen, als Billy Talent daraufhin die Bühne verlassen. 60 Minuten, die knackig waren, energiegeladen und an denen man gemerkt hat, wie die Kanadier das live spielen lieben. Gehen lassen will sie das Publikum deshalb noch lange nicht. Der Saal schwillt zu kollektiven „Zugabe!, Zugabe!“-Rufen an, und die Jungs aus Toronto lassen sich auch nicht lange bitten: Für zwei weitere Songs kehren sie auf die Bühne zurück, darunter ihr Megahit „Fallen Leaves“. Benjamin lässt während der Performance wild die Faust kreisen und dirigiert das Publikum, das textsicher mit einstimmt.
Dann ist Schluss, ein überzeugender Auftritt ist vorüber. Das Publikum strömt zufrieden aus der stickig-heißen Halle, zurück in die kühle und regnerische Hamburger Nacht.
Ob der Mann mit dem „Entfernungsbonus“ sich hier auch noch irgendwo herumtreibt?
Nico Cramer



